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„Wer hätte das gedacht, er war doch immer unser Clown“

Eindrücke vom Begleittag „Palästinensische Flüchtlingskinder“ in Reutlingen

„Wenn ich auf der Bühne bin“, sagt der zehnjährige Ashraf, „fühle ich mich als würde ich Steine werfen. Ich fühle mich stark, lebendig, stolz. Ich hoffe, ich werde ein bekannter Schauspieler. Ich will der palästinensische Romeo werden.“ Zehn Jahre später ist Ashraf tot. Gefallen im Kampf gegen die israelische Armee.

Die Geschichte von Ashraf und seinen Freunden wird eindrucksvoll in dem Dokumentarfilm „Arnas Kinder“ vom Regisseur und Schauspieler Juliano Mer-Khamis erzählt. Der Film steht im Mittelpunkt des Begleittags „Palästinensische Flüchtlingskinder“ für Freiwillige der Diakonie Württemberg in Reutlingen. Der Regisseur war ein Freund von Sami Nassif, der uns interessante Einblicke in die politische und menschliche Komponente des Nahostkonflikts gibt. Als Sohn einer Jüdin und eines Palästinensers betrifft ihn die Situation persönlich. „Ich habe zwar eine Position in dem Konflikt“, sagt Sami, „aber ich werde versuchen möglichst neutral zu bleiben.“

Die Freiwilligen und ich lauschen gebannt seinen Ausführungen zu den Hintergründen und der Geschichte des Konflikts. „Auf der einen Seite“, erklärt Sami, „steht Israel als sechstgrößte Militärmacht der Welt.“ Politisch ist es eng verbunden mit der USA und den europäischen Staaten. „Wenn die Existenz Israels bedroht wäre,“ meint Sami  „würden ich und viele andere es sofort verteidigen. Das ist aber zur Zeit absolut nicht der Fall.“ Auf der anderen Seite stehen die palästinensischen Araber, die vor allem im Gazastreifen, im Westjordanland und in den benachbarten arabischen Ländern wohnen. 4,5 Millionen Palästinenser leben nach wie vor in Flüchtlingslagern, unterstützt von der UNO und von anderen Projekten. „Letztendlich“, verdeutlicht Sami, „handelt es sich um einen Krieg um Land.“ Die Leidtragenden seien aber die Flüchtlinge. Deren Schicksal und Zukunft ist nach wie vor ungeklärt und umstritten. „Israel argumentiert, dass es schließlich 22 arabische Länder gibt, die die Flüchtlinge aufnehmen könnten. Die Palästinenser sehen das Land aber natürlich als ‚ihr Land’ an und wollen nicht ohne weiteres aufgeben.“

Die Flüchtlingsproblematik ist Sami wichtig. Sein Freund, der Schauspieler und Regisseur Juliano Mer-Khamis, hat sich mehrere Jahre in Dschenin im Westjordanland für Flüchtlinge und deren Rechte eingesetzt. Letztes Jahr wurde er erschossen. Bis heute kennt man die Hintergründe des Mordes nicht. „Wird ein Jude im Palästinensergebiet ermordet, sucht die Armee normalerweise so lange, bis sie den Schuldigen gefunden hat.“, sagt Sami. Doch Mer-Khamis war unbequem. Für manche Israelis wegen seiner Kritik an der Siedlungs- und Besatzungspolitik, für manche Palästinenser wegen seiner Ablehnung fundamentalistischer Ansichten. Der Mörder von Mer-Khamis ist wahrscheinlich ein palästinensischer Extremist, aber so genau weiß man es nicht.

Beim Film „Arnas Children“, den wir gebannt verfolgen, führte Mer-Khamis einerseits Regie und war andererseits auch vor der Kamera zu sehen. Die Handlung des Dokumentarfilms lässt sich in zwei Zeitabschnitte teilen. Zunächst wird gezeigt, wie eine Gruppe von Kindern im Flüchtlingslager Dschenin Theater spielt. Angeleitet werden Sie von Mer-Khamis. Er zeigt ihnen, wie sie ihre Wut, ihren Protest gegen die israelische Besatzung auf der Bühne zum Ausdruck bringen können. „Ich kann den Menschen zeigen was ich fühle, was ich will und was ich nicht will, ob ich das Leben liebe oder nicht“, sagt beispielsweise Yousef, der Spaßvogel der Gruppe. Das Theaterspielen bringt Abwechslung in den tristen Alltag und gibt den Kindern eine Perspektive, abseits von Hass und Gewalt. Obwohl Mer-Khamis von den Palästinensern als Jude angesehen wird, besitzt er ihr Vertrauen. So entstehen einzigartige Eindrücke. Nach dem Tod seiner Mutter im Jahre 1995 verlässt Mer-Khamis das Lager.

Der zweite Teil des Films spielt zehn Jahre später, als Mer Khamis nach Dschenin zurückkehrt. In bewegenden Szenen wird gezeigt, was aus den Kindern geworden ist, die noch vor einigen Jahren gemeinsam Theater spielten. Zum Beispiel Yousef der Spaßvogel. Nachdem er ein Mädchen aus einer Schule, die von der israelischen Armee bombardiert wurde, nur noch tot bergen konnte veränderte er sich. Er wurde stiller und verschlossener. „Wer hätte das gedacht“, erinnert sich ein Freund, „er war doch immer unser Clown!“. Yousef tötet drei Israelis bei einem Selbstmordattentat. Oder Ashraf, ein anderer Junge aus der Schauspielgruppe. Er wollte der „palästinensische Romeo“ werden. Als die israelische Armee nach Dschenin einmarschierte um gewaltbereite Extremisten zu suchen, verteidigte er es. Im Film erzählen seine Freunde, wie er mit der Waffe in der Hand starb. Ein weiterer Junge aus dem Theater, Ala, ist inzwischen Anführer einer Gruppe von Widerstandskämpfern. „Ob er sich denn ergeben würde“ fragt Mer-Khamis. „Niemals“ antwortet Ala, „ich kämpfe bis zur Freiheit oder dem Tod.“

Insgesamt zeigt der Film eindrucksvoll, dass der Widerstand der Palästinenser gegen die israelische Dominanz nicht mit militärischen Mitteln zu brechen ist. Israelische Maßnahmen, wie Straßensperren und Militärmanöver, die der Sicherheit dienen sollen, führen vor allem zu einem Gefühl der Unterdrückung und Hilflosigkeit auf Seiten der Palästinenser. Die Kinder Dschenins, anfangs noch voller Träume und Hoffnungen, sind die tragischen Figuren der Geschichte. In einer Gesellschaft voll Hass und Gewalt, Krieg und Unterdrückung, gibt es keine unbekümmerte Kindheit, kein normales Aufwachsen. Der Griff zur Waffe, das Leben als Widerstandskämpfer scheinen vorgezeichnet.

Der Film beeindruckt. Eine Teilnehmerin meint nach dem Film, dass sie der „Zwiespalt“ im Film am meisten imponiert hätte. „Er [a.d.R. Mer-Khamis] versucht den Kindern zu zeigen, dass man auch gewaltfrei protestieren kann und am Ende machen die ein Selbstmordattentat.“ Unsere Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konflikts ist nach dem Gesehenen nicht gerade gestiegen. Die scheinbar nicht aufhaltbare Spirale der Gewalt lässt bei uns ein Gefühl der Ohnmacht aufkommen. Was kann man da denn noch machen? Doch Sami will die Hoffnung nicht aufgeben und auch uns klar machen, dass es durchaus Ideen gibt, den Konflikt zu lösen. Bei einer Gruppenarbeit diskutieren wir in drei Gruppen über Möglichkeiten, wie Frieden geschaffen werden kann. „Natürlich ist das eine schwere Aufgabe“, meint Sami im Anschluss. „Wenn nicht einmal die erfahrene Politiker das können, werdet ihr das in 20 Minuten auch nicht schaffen.“ Doch es entstehen lebhafte Diskussionen, unterschiedliche Vorschläge machen die Runde: Zweitstaatenlösung, Siedlungsstopp oder kulturelle Projekte die beide Völker zusammenbringen sollen. Ein Vorschlag gefällt Sami besonders: Die Einstaatenlösung, in der Palästinenser und Israelis gleichberechtigt in einem Staat leben. „Aber solange die es nicht einmal schaffen, in zwei Staaten friedlich nebeneinander zu leben, wird das wohl ein Wunschtraum bleiben.“ Das Träumen will Sami aber nicht aufgeben.

Uns ist klargeworden: Frieden im Nahen Osten zu schaffen ist schwierig, der Konflikt ist verfahren und die politische Situation sehr komplex. Sami legt uns aber nahe, nicht wegzuschauen. Sich eine Meinung zu bilden sei zwar schwer, Apathie aber gefährlich. „Wir können uns“ meint Sami, „auch in Deutschland engagieren.“ Es gibt eine Reihe von friedensstiftenden Organisationen, die sich über finanzielle und moralische Unterstützung freuen würden. „Auch wenn ihr gerade kein Geld habt, schickt Ihnen eine E-Mail, schon das hilft.“

Markus Zeile

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