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Von kämpfenden Tänzern und heißen Rhythmen

Die zwei Kämpfer stehen sich lauernd gegenüber. Beide tänzeln von einem Bein aufs andere und lassen sich keine Sekunde aus den Augen. Plötzlich reißt einer der beiden den rechten Fuß hoch und versucht damit den Kopf des Gegners zu treffen. Blitzschnell duckt sich dieser, sodass der Tritt ins Leere geht. Was wie ein gefährliches Duell aussieht, ist in Wahrheit der brasilianische Kampftanz Capoeira. 15 FSJler wollen an diesem Wochenende in Stuttgart-Giebel mit dem bisher unbekannten Tanz in Berührung kommen. „Capoeira verbindet brasilianische Sprache und Musik mit der afrikanischen Kultur“,erklärt Workshopleiter Rajkumar Deshpanda. „Dabei wird den Capoeiristen Beweglichkeit, Koordinationsfähigkeit, Kraft und Ausdauer vermittelt.“ Ausdauer beim Tanzen? Was auf den ersten Blick übertrieben erscheint, entpuppt sich jedoch als schmerzhafte Wahrheit für die FSJler. „Ich finde es körperlich sehr anstrengend“, gibt die 20-jährige Isabell am zweiten Seminartag zu. „Ich muss ganz neue Bewegungen ausführen, die ich sonst nicht gewohnt bin, zum Beispiel in der Hocke.“ Für die FSJlerin aus der Diakonischen Jugendhilfe Heilbronn übt gerade dies jedoch den Reiz der Kampfkunst aus. „Es macht Spaß, an die persönlichen körperlichen Grenzen zu kommen.“

Die Atmosphäre im Übungsraum wirkt trotzdem ziemlich relaxt. Aus den Lautsprechern in der Ecke klingt entspannte lateinamerikanische Musik, während die FSJler in Reihen vor der zweiten Workshopleiterin Halima Abduraman stehen, die Dehnübungen vorführt. Die Übungen sind nicht besonders speziell und könnten auch aus einem normalen Fußballtraining stammen. Dann verändert sich die Atmosphäre plötzlich. Anstatt sich zur Musik zu dehnen, werden nun die ersten Kampfschritte eingeübt. Ohne Pause geht es danach gleich in die Paarübungen, bei denen immer zwei FSJler die genau aufeinander abgestimmten Kampfbewegungen ausprobieren. Ein Angreifer versucht beispielsweise aus einer tänzelnden Position heraus seinen Gegner zu treffen, während dieser möglichst geschickt ausweichen muss. Bei einigen geht dies schon in ziemlicher Geschwindigkeit vonstatten, während andere die Kampfschritte nur langsam ausführen können und immer wieder aus dem Rhythmus kommen. Schon nach kurzer Zeit liegt der Geruch von Schweiß in der Luft. „Capoeira soll den Teilnehmern vor allem Spaß machen“, meint Rajkumar Deshpanda, der einen weißen Kampfsportanzug trägt. „Man kann sich damit zwar innerhalb kürzester Zeit richtig auspowern, aber wir achten darauf, dass hier niemand körperlich am Ende ist.“

Der Lernfaktor für die Teilnehmer sei dabei unglaublich hoch, wie Theresa Batz aus dem Organisationsteam des Workshops berichtet. „Neben der Teamarbeit lernen die FSJler viel über die Geschichte des Tanzes. Capoeira stammt ursprünglich aus Afrika und basiert auf dem dortigen Tanz NiGolo, der auch Zebratanz genannt wird. Zur Kolonialzeit wurden Sklaven aus Angola nach Brasilien verschleppt. Sie brachten ihren eigenen Kampftanz mit, aber es war ihnen verboten diesen auszuführen.“ Sklaven hätten damals keinen Kampfsport ausführen dürfen, da die Behörden Angst vor gewalttätigen Aufständen hatten. Jedoch hätten die Verbote kaum Wirkung gezeigt. „In den Favelas, den Armenvierteln Brasiliens, wurde Capoeira trotzdem ausgeführt. Es dauerte dann viele Jahrzehnte, bis feste Regeln erstellt wurden und der Tanz legalisiert wurde.“ Mit der Etablierung von festen Schulen habe der Kampftanz dann seinen Siegeszug rund um die Welt angetreten. Heute gibt  es allein in Stuttgart vier verschiedene Capoeira-Gruppen.

Viele Workshop-Teilnehmer hatten sich eigentlich auf einen anderen Kurs beworben und waren dem Capoeira-Kurs nur zugeteilt worden, weil die anderen Kurse bereits überbelegt waren. Doch anfängliche Bedenken konnten ausgeräumt werden. „Ich habe noch nie von Capoeira gehört“, gibt die 19-jährige Linda zu.  „Rein von der Beschreibung in unserem Kursbuch her habe ich es mir relativ schlimm vorgestellt, aber es macht wirklich Spaß!“ Die Vielfalt der Kursinhalte wissen auch andere zu schätzen. „Capoeira ist unglaublich facettenreich“, findet der 22-jährige Martin. „Es ist sehr anspruchsvoll die schwierigen Koordinationsbewegungen in so kurzer Zeit hinzubekommen. Dafür lernt man aber unglaublich viel über die Kultur Brasiliens. Gleich am ersten Tag haben wir die ersten portugiesischen Lieder kennengelernt und selbst Musik gemacht.“  Die musikalischen Fähigkeiten der Teilnehmer werden zum Schluss des Workshops noch einmal auf die Probe gestellt. Während sich alle im Kreis aufstellen, singt Rajkumar Deshpanda die uralten Verse der Capoeira-Lieder. Dazu spielt er die Berimbau, einen gebogenen Holzbogen aus Beriba-Holz, an dessen Ende ein Draht aus alten Autoreifen befestigt ist. Als Resonanzkörper dient ein ausgehöhlter Kürbis. Halima Abduraman schlägt dazu eine klassische afrikanische Trommel, begleitet von einigen Tamburins. Die exotischen Instrumente sorgen für einen schnellen Rhythmus, der in die Beine geht und einen Hauch brasilianischer Lebensfreude hervorscheinen lässt. Immer paarweise springen zwei FSJler in die Mitte um einige der gelernten Kampfschritte vorzuführen und kehren dann wieder in den Kreis zurück.

„Wegen den vielen musikalischen Elementen ist Capoeira kein reiner Kampfsport“, meint Theresa Batz. Trotzdem kommen auch Kampfsportbegeisterte voll auf ihre Kosten. „Ich interessiere mich sehr für Kampfsport, habe aber vorher kaum etwas über Capoeira gehört“, sagt der 20-jährige Nam. „Mittlerweile gefällt es mir aber schon so gut, dass ich auch privat weitermachen werde.“ Der Kampftanz vermittle allerdings keine Selbstverteidigungstechniken, wie Rajkumar Deshpanda erklärt. „In Selbstverteidigungskursen lernt man vor allem die Gefahrensituation richtig einzuschätzen. Entweder ich gehe mitten rein, und versuche meine Gegner so schwer wie möglich zu verletzen – oder ich renne weg. Capoeira vermittelt lediglich die Schritte und die Technik, wie man einem Angreifer ausweichen oder diesen angreifen kann. Letztendlich ist es dann jedem selbst überlassen, wie er dies anwendet.“ Das zentrale Element von Capoeira sei deshalb Malícia, was so viel wie ‚Gemeinheit‘ bedeute. „Im brasilianischen ist es jedoch eine positiv belegte Eigenschaft und eher mit Schläue oder Kriegslist zu übersetzen. Nach einiger Übung stellt sich heraus, dass immer der gewinnt, der am gemeinsten ist und die sich bietenden Lücken des Gegenübers nutzt. Capoeira beinhaltet zum Beispiel auch, Gras vom Boden aufzunehmen und es dem Gegner ins Gesicht zu schleudern, um ihn zu besiegen.“ So weit geht es beim Anfängerkurs für die FSJler allerdings noch nicht. „Am Anfang wird lediglich die Technik vermittelt. Die vielen Tricks und Kniffe kommen dann nach ein bis zwei Jahren Übung dazu.“

Michael Hellstern

 

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