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"Willst du Stress, oder was?"

Begleittag Gewalt und Zivilcourage

Eine dunkle Gasse, spätabends. Ich laufe schnell, will nach Hause. Plötzlich tritt mir  eine Gestalt mit Kapuzenjacke und Schildmütze in den Weg.  „Hey, warte mal. Kannst du mir sagen, wie spät es ist?“ Ich bin kurz irritiert, nicke dann aber und erhasche zwischen den Häusern hindurch einen Blick auf eine Kirchturmuhr. „Kurz vor elf“, sage ich und will weitergehen, doch der sportlich wirkende Mann bleibt vor mir stehen. Er baut sich vor mir auf. Jetzt kommt er mir alles andere als harmlos vor. Ich versuche, an ihm vorbeizugehen, doch er versperrt mir den Weg. Die Gasse wirkt immer enger.
Plötzlich spricht er völlig freundlich weiter. „Ich würde in der Kirche gerne etwas spenden, könntest du mir ein bisschen Geld dafür geben?“
Ich bleibe misstrauisch. „Würdest du das tatsächlich spenden?“ -„Na klar. Also hättest du vielleicht fünf Euro für mich?“ Ich überlege. Ich will eigentlich schnell weiter, den Mann lieber  loswerden. Auf einmal habe ich Angst. „Lass mich bitte vorbei!“
„Lass mich bitte vorbei!“, äfft er mich nach. „Willst du Stress, oder was?“ Jetzt steht er direkt vor mir, funkelt mich herausfordernd an. Mir reicht es. Ich dränge mich an ihm vorbei und renne die Gasse hinunter zum Licht der nächsten Straßenlaterne. Plötzlich höre ich Schritte hinter mir.

Die Grenze zwischen echtem Konflikt und gestellter Übung verschwimmt


„Stopp, gut gemacht!“, ruft Lars Groven, nimmt die Kappe ab und gibt mir die Hand. Es ist kein merkwürdiger Mann, der mich provoziert hat, sondern ein Sozialarbeiter und Anti-Aggressivitäts-Trainer, die rettende Straßenlaterne ist ein Stuhl und die Gasse ist in gar keiner Stadt, sondern besteht aus einer Fensterfront auf der einen und einer Reihe Menschen auf der anderen Seite. Ich spüre mein Herz immer noch schnell schlagen, als ich mich zu den anderen Teilnehmern des Begleittags „Gewalt und Zivilcourage“ in die Reihe stelle. Am anderen Ende geht nun der Nächste die Gasse entlang und wird dabei von Lars angesprochen, mal provozierend, mal beleidigend. Nicht nur mir fällt es schwer, die Situation zu lösen und dabei ruhig zu bleiben. Auch manch anderem schnellt sichtlich der Blutdruck in die Höhe. Für einen Moment verschwimmt für jeden die Grenze zwischen echtem Konflikt und gestellter Übung – und genau das ist auch der Sinn: Zu erkennen, wie ich selbst in so einer Situation reagieren würde. Zu merken, wo die eigene Grenze liegt, bei der ich vielleicht selbst die Beherrschung verliere.

Was ist Gewalt?

Mit dieser und anderen Übungen konfrontiert Lars Groven im Lauf des zweitägigen Seminars die Gruppe aus etwa zwanzig FSJlerinnen und FSJlern. Zunächst geht es erst einmal darum herauszufinden, was Gewalt ist. Ist es Gewalt oder nicht, wenn einer Frau in einem Café unbemerkt die Handtasche gestohlen wird? Ist Mobbing oder Lästern unter Schülern Gewalt? Tut ein Vater seinem Kind Gewalt an, wenn er ihm eine leichte Ohrfeige gibt, weil es im Supermarkt geklaut hat? Über solche Fragen diskutieren wir, manchmal sind sich fast alle einig, oft gehen die Meinungen aber auch auseinander. Am Schluss versuchen wir gemeinsam, eine Definition zu finden. Eines ist Lars Groven dabei wichtig: „Ob etwas Gewalt ist, entscheidet immer der Betroffene, nie der Täter.“ Und: „Wer sagt, Gewalt sei keine Lösung, der liegt falsch. Gewalt IST eine Lösung, aber oft eine schlechte. Und um bessere Lösungen als Gewalt zu zeigen, mache ich solche Trainings.“

„Jeder ist für jeden mitverantwortlich“

Auch Zivilcourage ist ein Thema des Seminars im Haus Lutzenberg in Althütte – anderen in gefährlichen Situationen helfen, aber auch selbst gefährliche Situationen vermeiden. Für viele Teilnehmende war das auch ein Hauptgrund, sich genau diesen Begleittag auszusuchen. So auch für den 18-jährigen Daniel: „Ich habe es schon ein paar Mal erlebt, wie jemand zum Beispiel in der S-Bahn angepöbelt wurde. Alle haben weggeschaut, ich wusste aber auch nicht, was ich tun soll. Mich einmischen? Die Polizei rufen? Deshalb hat mich dieser Begleittag so interessiert – ich will wissen, was ich in solchen Situationen tun kann.“
Am Ende ist klar: Ein Patentrezept für Zivilcourage gibt es nicht. Einige wichtige Dinge aber nimmt jeder nach zwei intensiven Tagen voller Diskussionen, Übungen und Erfahrungen mit:
Aufmerksam sein und Wahrnehmen, was um einen herum geschieht. Und, so Lars Groven, sich klar zu machen, dass jeder für jeden anderen mitverantwortlich ist. „Jemandem in Not zu helfen ist vielleicht schwierig, tut einem selbst aber auch unglaublich gut. Das sollte jeder lernen.“

Simon Koenigsdorff

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